Dinge und Ereignisse gewinnen an Ernsthaftigkeit nicht dann, wenn sie geschehen, sondern erst dann, wenn sie als Abbilder erscheinen. Erst das Abbild verleiht dem Sein ein echtes Sein. Damit etwas Wirklichkeit wird, muss es zunächst durch die Vorstellung von der Wirklichkeit, durch die Interpretation der Welt umgewandelt werden. Bilder und Texte sind für uns derart wichtig, dass sich sogar das Original selbst seiner Reproduktion unterordnen muss. IMPLUVIUM ist eine Metapher so einer Wandlung. Es ist ein metaphorisches Becken gefüllt mit symbolischem Element, mit einem Medium aus Gedanken, mit Gefühlen, Legenden, Mythen und Geschichte, die zur echten Wirklichkeit werden ‒ ein Abbild unserer Welt und unserer selbst.
Matej Krén
BUCHWOHNRÄUME MATEJ KRÉNS, dieses Werk Matej Kréns ist unverwechselbar dank seiner außergewöhnlichen schöpferischen Spannweite. Die Aufmerksamkeit der Fachleute sowie des Publikums fesselt Krén mit seiner entschiedenen Herangehensweise an die Skulptur, ans Objekt, an die Installation, an die Zeichnung, an die Grafik, an die Malerei, an die Aktionskunst, an den Film, an die Musik, an Laute und Worte. Seine Arbeiten beschäftigen sich nicht nur mit aktuellen Problemen der Kunst, wie dem Verwischen von Grenzen zwischen Realität und Fiktion, mit der Aktualität und Geschichte, sondern auch mit klassischen Themen der bildenden Kunst – mit Fläche und Raum, mit dem Inneren und Äußeren, mit dem Teil und mit dem Ganzen. Für sein Werk ist die Suche nach inhaltlicher Komplexität ausgedrückt durch eine lapidare und verständliche Sprache charakteristisch.
Der breiten Öffentlichkeit sind höchst wahrscheinlich seine Werke aus Büchern bekannt – „Buchwohnräume“. Typisch für sie ist eine sonderbare Spannung zwischen Illusion und Realität, zwischen der physischen und virtuellen Welt, zwischen dem vorhandenen Ort und abstrakten Raum. Eines seiner ersten Werke aus Büchern ist IDIOM, eine hohe Säule aus tausenden Büchern, die erstmals 1994 auf der Biennale für zeitgenössische Kunst im brasilianischen Sao Paulo präsentiert wurde. Die Öffnung in der Wand des Objekts bot die Möglichkeit einen Einblick in seine anderen Dimensionen zu erhalten. Die Säule durchbrach in ihrem Inneren die feste Verankerung im Raum und öffnete sich suggestiv in einen Tunnel, der aus „Buchtexten“ – einer gewissen Art der ursprünglichen Idee der Weltachse, axis mundi bestand.
Im Projekt GRAVITY MIXER für die Expo 2000 in Hannover transformierte sich das statische Objekt einer Rotunde aus Büchern mittels eines Systems von rotierenden Spiegeln zur einem Ganglabyrinth. Der Besucher wurde somit Teil des Werks mit einer schwindenden Grenze zwischen Realität und Fiktion. Die Anwesenheit des Besuchers ist auch für das Werk DIE PASSAGE (seit 2004 befindet sie sich dauerhaft in der Galerie der Stadt Bratislava) schlüsselhaft. In gleichem Moment bewegt es sich an der Grenze zweier Räume – des realen und des illusorischen, und parallel dazu auch in zwei gegensätzlichen Welten – der Welt der realen Existenz und ihres „metaphysischen“ Abbildes in den Buchtexten.
2006 entstand das Projekt BOOK CELL für das Museum der modernen Kunst in Lissabon anlässlich des 50. Jubiläums der Stiftung Calouste Gulbenkian Foundation, die eine wichtige Rolle in der Förderung von Wissenschaft, Kunst und Kultur in Portugal spielt. Die hexagonale „Zelle“ aus Büchern drückte die zentrale Beziehung der Stiftung gegenüber Büchern und der Buchkultur aus. Anlässlich der Eröffnung des Zentrums für zeitgenössische Kunst DOX in Prag im Jahr 2008 schuf Matej Krén eine monumentale Installation mit dem Titel SEDIMENT. Eine riesige krumme Wand aus Büchern mit allmählicher Sedimentierung der Welt in Texten, in Buchtexten und Büchern im Werk als solchem hat zwei Realitäten vereint – die gegenständliche und die symbolische.
Das Werk könnte als Barriere wahrgenommen werden, die die physische Bewegung unmöglich macht und zugleich als eine Kommunikationsschnittstelle, die die Grenzen von Zeit und Raum nicht respektiert. Das Projekt SCANNER geschaffen 2010 für das Museum für moderne Kunst in Bologna, führte die Zuschauer in eine ungewöhnliche Situation. Sie wurden zu Akteuren des Übergangs von „Daten“ zwischen der Welt und ihrem literarischen Modell. In dem zwölf Meter großem Objekt, einem gewalzten Container aus Büchern, wandelte sich durch den Lichtprozess des Scannens ihre Anwesenheit in einen anderen „Zustand„ um – in eine fluoreszente Strahlung, die in das Papiergedächtnis der Bücher aufgenommen wurde.
Im Werk von Matej Krén überschneidet sich der Raum der symbolischen Interpretation der Welt mit dem gelebten Raum der menschlichen Existenz und erinnert so an die Existenz eines unklaren Zwischenraums zwischen den Realitäten. Die Werke aus Büchern, „Buchwohnräume“, sind eine Architektur dieses Zwischenraums; es sind Bauten, deren Wände durch die allmähliche Aufschichtung von Büchern entstehen, sie versperren uns nicht den Blick, im Gegenteil, sie vertiefen und klären ihn...
Egon Alter